
Ich liebe es, Menschen beim Menschsein zu beobachten. Mäuschen zu spielen, mich im Alltag anderer Menschen zu verstecken, wie eine stille Beobachterin des Lebens.
Jemand hält einer fremden Frau die Tür auf. Zwei Männer lachen über etwas, das ich nicht höre. Ein Kind zieht seine Mutter am Ärmel, weil irgendwo ein Hund sitzt. Das Leben eben, wie es so vor sich hin passiert.
Dann habe ich oft das Gefühl, alles ist im Fluss. Die Dinge nehmen ihren natürlichen Lauf, alles greift ineinander.
Ich fühle mich wie ein Vogel, der alles umkreist und da landet, wo er denkt, etwas zu finden. Dann fliege ich hin, setze mich dazu beobachte und bleibe ein bisschen.
Manchmal werden mir dabei die Augen feucht. Und das nicht etwa, weil ich traurig bin. Eher aus einer stillen Ehrfurcht heraus, die sich nicht in Worte fassen lässt.
Denn ich glaube, wir alle tragen etwas mit uns.
Ein Päckchen, meistens unsichtbar, oft schwer, manchmal kaum spürbar. In dem einen stecken Selbstzweifel vor dem Bewerbungsgespräch. Dieser eine Satz, der sich seit drei Tagen im Kopf dreht: Ich bin nicht gut genug. In dem anderen eine schmerzhafte Trennung, frisch oder schon vernarbt, aber nie ganz weg. Verlust, Krankheit oder Erschöpfung, die sich als Normalzustand verkleidet hat.
Man sieht es nicht immer. Nur manchmal, wenn man still genug ist, dann bekommt man eine leise Ahnung.
An der Art, wie jemand in seine Kaffeetasse schaut. Wie jemand einen Herzschlag zu spät lächelt. Oder wie jemand die Schultern trägt, so als würden sie etwas festhalten, das sonst herunterfällt.
Und dann sitze ich da, mitten im Alltag dieser Menschen, und denke: Was für ein Mut, das alles, diese Päckchen, einfach mitzutragen. Jeden Tag aufzustehen, seinen Kaffee zu kochen, zur Arbeit zu fahren — mit all dem, was man so mit sich schleppt, und das man nur selten jemandem zeigt.
Und manchmal reicht das schon, um den Tag ein bisschen anders zu sehen.
