Schwarz-weiße Kindheitserinnerungen

Julia hat so ein Talent für Zöpfe. Ihre Finger arbeiten schnell und sicher, und während sie flechtet und sich entschuldigt, dafür, dass es eventuell ein bisschen ziepen könnte, gehen meine Gedanken auf Wanderschaft und landen bei meiner Oma und ihrer nussbraunen Vitrine.

Ich muss sechs oder sieben gewesen sein, und der Friseurstuhl war bei uns ein Küchenstuhl, und meine Oma stand hinter mir mit einem Kamm, der keine Gnade kannte. Ebenso wenig wie meine Oma. Im Glas der Vitrine sah ich mich selbst — verschwommen und etwas verzerrt. Mein Gesicht wurde mit jedem Bürstenzug straffer, als würde sie nicht nur meine Haare, sondern auch gleich die ganze Welt in Ordnung bringen wollen. Es zog und zog, und ich sagte nichts, weil man ja bei Omas nichts sagte und weil ich so hoffte, es wäre schneller vorbei.

Damals wusste ich vieles mit absoluter Sicherheit.

Dass die Welt früher schwarz-weiß war – das stand für mich außer Frage. Die alten Fotos bewiesen es schließlich. Farbe war eine Erfindung meiner Generation, irgendwann in den Achtzigerjahren vielleicht, zusammen mit den Holländern, die in Holzschuhen durch ihr Land klapperten. (Ja, ich dachte, äh wusste, dass alle Holländer Holzschuhe tragen! ;))

Und dann war da die Kuckucksuhr.

Sie hing in ihrer Wohnstube (wie sie selbst immer zu ihrem Wohnzimmer sagte), dunkel und bedeutsam, und ich war felsenfest davon überzeugt, dass da drin ein echter Kuckuck lebte. Ein kleiner, tapferer Vogel, der Tag und Nacht wartete, nur um zur vollen Stunde kurz die Tür aufzureißen und seinen Dienst zu tun. Ich saß manchmal davor, ganz still und gespannt, und wartete mit ihm. Wir hatten eine Abmachung, der Kuckuck und ich, auch wenn er das nie wusste.

Fingerhüte (also die Pflanze) dagegen habe ich nie angerührt, seit mir im Kindergarten gesagt wurde, sei seien extrem giftig, sogar tödlich. 

Keinen einzigen Finger habe ich je – ich glaube sogar bis zum heutigen Tag – hineingesteckt. Ob ich mich nochmal trauen sollte, das nachzuholen? Ich denke, mein Herz würde sogar ein bisschen rasen vor Angst 😉

Oder hatte ich das im Kindergarten nur irgendwo zwischen den Zeilen verstanden? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich sie ehrfürchtig anschaute wie kleine metallene Fallen, und dass diese Vorsicht sich angefühlt hat wie Weisheit.

Julia zieht den letzten Zug durch meinen Zopf und sagt: „Soooo, fertig.“

Ich schaue kurz in den Spiegel. Straff und Ordentlich. Ich liebe das Ergebnis. Und für einen Moment bin ich wieder das Kind, das im Glas der Vitrine seiner Oma nach sich selbst sucht, in dieser verzerrten, irgendwie vertrauten Welt, in der Kuckucke ganz tapfer ihren Dienst tun und Fingerhüte gefährlich sind und alles, wirklich alles, einen Sinn ergibt.

Welche Kindheitserinnerungen ist dir bis zum heutigen Tag im Gedächtnis geblieben? Eine, an die du gerne – vielleicht auch mit einem Schmunzeln – zurückdenkst?

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