38/52: Für Einen

Die Andern sind das weite Meer.

Du aber bist der Hafen.

So glaube mir: kannst ruhig schlafen,

ich steure immer wieder her.

Denn all die Stürme, die mich trafen,

sie ließen meine Segel leer.

Die Andern sind das bunte Meer,

du aber bist der Hafen.

Du bist der Leuchtturm. Letztes Ziel.

Kannst, Liebster, ruhig schlafen.

Die Andern, das ist Wellenspiel,

du aber bist der Hafen.

von Mascha Kaléko


Gedanken

Eins der allerschönsten Gedichte für mich. Zum ersten Mal hörte ich es im Februar diesen Jahres (Danke an Katha <3). Und ich bleibe an diesem Bild hängen, immer und immer wieder. Am Hafen. Und an der Frage, wie viel davon wir im Außen suchen sollten.

Wie sehr dürfen andere unser sicherer Ort sein? Und wann wird es gefährlich, wenn wir ohne sie nicht mehr ablegen können?

Womöglich geht es auch nicht darum, sich selbst der Hafen zu sein.

Das klingt so abgeschlossen, so endgültig. Als müsste man alles allein können.

Vielleicht geht es eher darum, sein Boot stabil genug zu bauen. Zu wissen, wie man schwimmt. Einen Rettungsring griffbereit zu haben. Und zu lernen, nicht bei jeder Welle panisch den nächsten Anker zu werfen.

Und ja, ich denke, man darf sich trotzdem nach dem großen Meer sehnen. Nach Weite. Nach Bewegung. Nach dem Risiko, nass zu werden.

Ein Hafen ist etwas Wunderschönes.

Und doch, er ist nicht der Ort, an dem man lebt. Er ist der Ort, zu dem man zurückkehrt.

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