
Mein lieber Körper,
ich weiß, wir zwei hatten keinen einfachen Start.
Ehrlich gesagt mochte ich an dir lange fast gar nichts, außer diese braunen Augen, die immer so groß und neugierig die Welt betrachten. Der Rest von dir schien mir falsch, unzureichend. Ich habe dich vermessen, kritisiert, geschubst. Ich habe dich klein gemacht. Diäten, strenge Pläne, Sport als Strafe. Schlechte Gedanken. Ganze Kriege im Kopf, die ich auf dir ausgetragen habe.
Und du?
Du hast einfach weitergemacht. Still, geduldig. Tag für Tag.
Wenn ich heute, nach mehr als 40 gemeinsamen Jahren, zurückschaue, frage ich mich, wie du das ausgehalten hast.
In der fünften Klasse hat es angefangen, weißt du noch?
Plötzlich gab es Bewertungen. An die erste erinnere ich mich noch sehr genau. Sie hat sich eingebrannt. Mein damaliger Physiklehrer ,Herr H., hielt es offenbar für eine gute Idee am Beispiel meines Körpers die Schwerkraft zu erklären. In Verbindung mit der These, es würde mir schwerfallen, eine Kletterstange hoch zu klettern. Das traf mich. Nicht zuletzt weil ich die Schnellste oben an der Kletterstange gewesen bin.
Ich war nie dick. Ich war einfach nur ein Kind, das gern lachte und bis zu dem Zeitpunkt gar nicht wusste, dass es „gute oder schlechte“ Körper geben würde. Und damit kam dieses Gefühl, als sei mit dir etwas nicht in Ordnung. Als würdest du hinter all den anderen Körpern zurückbleiben: schlanker, glatter, sportlicher, beeindruckender. Ich habe die anderen bewundert, und dich übersehen.
Dabei hast du schon damals so viel geleistet.
Du hast mich auf Gipfel getragen, lange bevor ich wusste, wie schön es ist, oben zu stehen und zu atmen.
Du hast mich ins Winterwasser springen lassen, obwohl alles in mir geschrien hat, dass das doch verrückt ist.
Du hast mich durch wilde Tanznächte getragen, durch Reisen zu fremden Orten, durch Umzüge und Abschiede und Neuanfänge.
Du hast mich durch einen Halbmarathon getragen und Jahre zuvor einen Bandscheibenvorfall geheilt.
Du hast mich getröstet, wenn das Herz schwer war.
Du hast mich immer wieder in dieses Leben zurückgeholt.
Und während ich damit beschäftigt war, dich zu beurteilen, hast du einfach weiter getan, was Körper eben tun:
Gehirn und Herz in Gang halten. Muskeln reparieren. Haut erneuern. Trillionen kleiner Vorgänge am Tag, damit ich denken, lieben, laufen, essen und lachen kann. Man sagt, der Körper regeneriert jede Sekunde rund 25 Millionen Zellen. Ich finde, das verdient mehr Applaus, als ich dir je gegeben habe. Jemals geben könnte!
Inzwischen spüre ich so etwas wie Dankbarkeit.
Nicht jeden Tag, aber immer öfter.
Ich sehe, wie du dich anpasst. Was du leistest. Wie du mich durchs Leben schiebst, auch wenn ich mich querstelle. Und wie weich du sein kannst, wenn ich endlich mit dir statt gegen dich arbeite.
Vor etwa einem Jahr habe ich für 2025 von meiner lieben Julia zum Visionärinnen-Treffen eine Karte bekommen. Darauf steht:
„Tu deinem Körper etwas Gutes, damit deine Seele Freude hat, darin zu wohnen“.
Ich glaube, das stimmt. Und ich wünsche mir, dass es unser gemeinsames Projekt wird, dieses Zuhause warm zu halten.
Danke, dass du geblieben bist, als ich dich noch nicht sehen konnte.
Danke, dass du mir jeden Tag die Chance gibst, es diesmal besser zu machen.

Ufff. Beim Lesen hatte ich erst Gänsehaut und eventuell ist der Wasserpegel im Auge beim Tippen jetzt auch höher als Normalnull.
So verrückt, wie ich manchmal über meinen Körper dachte, über ihn urteilte. Während da ein Herz drin schlägt, unaufhaltsam, nur für mich.
Danke für diesen Text. Er bewegt mich sehr. 🫀
Das berührt mich, liebe Anna <3 Du glaubst gar nicht, wie schwer es mir gefallen ist, diese Zeilen zu verfassen. So lange dachte ich, ich sei mit den Gedanken damit alleine. Und hier und da zu sehen, dass wir alle ähnliche Gedanken, Sorgen und Zweifel haben... so schräg das klingt, damit fühlt sich das alles für mich weniger schlimm an. Fühl dich fest umarmt, wenn du magst <3